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BrotRetter - Ausgezeichnet & interessant für die Presse

Foto der BrotRetter

Brot "gerettet" und Leben in den Griff bekommen

„Junge Die Bäckerei“ und Vorwerker Diakonie ziehen erstes Fazit für die BrotRetter in Lübeck

Lübeck, 14. September 2018. Im September 2016 eröffneten „Junge Die Bäckerei“ und die Vorwerker Diakonie gemeinsam das BrotRetter-Geschäft in der Lübecker Holstenstraße. Seitdem werden hier Backwaren vom Vortag zu einem reduzierten Preis verkauft. Gleichzeitig bietet das Geschäft Menschen, die sich in sozialer Not befanden, Arbeit und Unterstützung. Das Projekt war zunächst befristet. Jetzt steht fest: Es ist ein Erfolg und wird fortgesetzt.

„Wir helfen in unseren Beratungsstellen Menschen, deren Leben aus dem Tritt geraten ist“, so Johanne Hannemann, Geschäftsführerin der Vorwerker Diakonie. „Sie haben beispielsweise Wohnungslosigkeit, eine Suchtproblematik, eine psychische Erkrankung oder Gewalt erfahren und möchten nun ihr Leben wieder in den Griff bekommen und zurück in einen normalen Alltag finden.“ Das BrotRetter-Projekt kann Betroffenen dafür einen sicheren, geschützten Rahmen bieten. „Junge Die Bäckerei“ stellt Geschäft, Backwaren und Knowhow zur Verfügung, die Vorwerker Diakonie begleitet die Teilnehmer durch soziale Arbeit. „Unsere Klientinnen und Klienten merken durch ihre Tätigkeit im Verkauf bei den BrotRettern, dass sie gebraucht werden und etwas Sinnvolles leisten können – und das auch schaffen“, so Hannemann.

„Das gibt ihnen Selbstbewusstsein und neuen Lebensmut.“ Bereits zwei Teilnehmer sind bei den Brotrettern durchgestartet und inzwischen fest bei Junge angestellt. Das Lübecker Projekt ist für „Junge Die Bäckerei“ schon das zweite erfolgreiche BrotRetter-Geschäft. Im Frühjahr 2016 entstand in Hamburg das erste BrotRetter-Geschäft. Kooperationspartner dort ist Hinz und Kunzt. „Wir waren schon länger auf der Suche nach einer Idee, mit nicht verkauften Backwaren sinnvoll umzugehen – denn obwohl wir bereits Tafeln im ganzen Norden unterstützen, bleiben täglich immer noch Produkte übrig“, so Geschäftsführer Tobias Schulz. „Gleichzeitig wollten wir Menschen, die besondere Schwierigkeiten hinter sich haben, eine neue Chance geben.“

Das BrotRetter-Geschäft in der Holstenstraße 38, 23552 Lübeck, ist montags bis samstags von 9 bis 17 Uhr geöffnet. Neben dem Brotretter-Angebot gibt es auch ein Café- und Snack-Angebot, wie es aus anderen Junge-Geschäften bekannt ist.

Zur Pressemitteilung auf der Website der Diakonie

Zwei Jahre BrotRetter - eine Erfolgsstory

Interview mit Initiator und Junge-Geschäftsführer Tobias Schulz

Das BrotRetter-Geschäft in der Lübecker Holstenstraße feiert seinen zweiten Geburtstag und ist gleich auf zwei Feldern erfolgreich: Zum einen setzt man dort ein Zeichen für den verantwortungsvollen Umgang mit Lebensmitteln, weil Backwaren vom Vortag zu einem günstigen Preis angeboten werden. Zum anderen gibt man Menschen in einer schwierigen Lebensphase neue Perspektiven, die weit über das Berufliche hinausgehen. BrotRetter-Initiator und Junge-Geschäftsführer erläutert im Interview, warum ihm das Projekt so am Herzen liegt.

Redaktion: Zwei Jahre BrotRetter in Lübeck. Sind sie mit der Entwicklung zufrieden?

Tobias Schulz: Auf jeden Fall. Da stecken aber auch jede Menge Arbeit, Kreativität und finanzielle Mittel drin. Aber Junge hat mit der Vorwerker Diakonie einen idealen Partner für dieses Projekt gefunden, der mit der gleichen Leidenschaft wie wir selbst dabei ist. Trotz der Schwierigkeiten, die bei solch einem ambitionierten Projekt unvermeidlich sind, können wir mit Stolz sagen: Es läuft, die Ziele wurden erreicht!

Das war zum einen…?

Unsere Hauptmotivation war es, ein klares Zeichen gegen Lebensmittelverschwendung zu setzten. Gemeinsam mit dem BrotRetter-Geschäft in Hamburg, das wir gemeinsam mit Hinz und Kunzt betreiben, bewahren wir Tag für Tag mehr als 2.500 Brote, Brötchen und Kleingebäck davor als Tierfutter verwertet oder entsorgt zu werden. Dieses Brotretten hat uns eine Nominierung für den Bundespreis „Zu gut für die Tonne" eingebracht. Darauf sind wir stolz.

… und zum anderen?

Wir wollen nicht nur dem Brot eine zweite Chance geben, sondern auch Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Denn wie wir alle wissen, ist Arbeit ein zentraler Teil unseres Lebens. Sie sichert nicht nur ein Einkommen, sondern stärkt auch soziale Kontakte und das eigene Selbstbewusstsein. Wessen Leben aus dem Tritt geraten ist, der benötigt außerdem Anerkennung und Wertschätzung. BrotRetter bekommen das alles. Nach einer gewissen Zeit sind diese Menschen dann auch bereit für den regulären Arbeitsmarkt. So wurden erst jüngst zwei BrotRetter in eine Ausbildung und eine Vollzeitstelle bei Junge übernommen.

Wie sieht die wirtschaftliche Seite des Projekts aus?

Es ist ein Non-Profit-Projekt. Jährlich schießen wir einen hohen fünfstelligen Betrag hinzu. Die Unterdeckung trägt Junge allein. Aber das ist es uns wert, weil das Projekt täglich etwas Sinnvolles bewegt. Wir betrachten diese Initiative als Teil unserer sozialen Verantwortung.

Ein Blick zurück: Wie ist die BrotRetter-Idee entstanden?

In der Vergangenheit standen wir vor der Situation, dass trotz eines verantwortungsvollen Umgangs und der Abgabe von Backwaren an die Tafeln immer noch zu viel Ware übrigbleibt. Junge wollte zielgerichtet ein Zeichen setzen für einen verantwortungsvollen und nachhaltigen Umgang mit Lebensmitteln. Der Verkauf von Brot vom Vortag war der eine Baustein, zu dem dann noch die Komponente kam, Menschen in schwierigen Lebenslagen zu helfen. Zusammen mit unseren Partnern haben wir diese Idee dann im Detail ausgearbeitet und auf den Weg gebracht.

Was macht das Projekt aus?

Unsere Gäste und Mitarbeiter können jetzt sicher sein, dass trotz eines großen Angebots und einer entsprechenden Verfügbarkeit, Backwaren vom Vortag auch vor einem ethischen Hintergrund sinnvoll wiederverwendet werden. Außerdem geben wir Menschen, die es besonders nötig haben, eine Chance sich wieder auf dem Arbeitsmarkt einzufinden.

Auszeichnung für die BrotRetter

Junge Kooperationsprojekt "BrotRetter" bei Bundespreis "Zu gut für die Tonne" ausgezeichnet.

So viel Engagement wird auch vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft ausgezeichnet. Bei „Zu gut für die Tonne!“, dem Bundespreis für Engagement gegen Lebensmittelverschwendung, kam das BrotRetter-Projekt jetzt unter die ersten drei Plätze in der Kategorie Handel.
„Wir sind sehr glücklich über die Auszeichnung und stolz, mit solchen Partnern wie Hinz&Kunzt und der Vorwerker Diakonie zusammen arbeiten zu dürfen. Dieser Preis ist für alle an diesem Projekt Beteiligten. Danke.“ so Hofrichter, Sprecher von Junge Die Bäckerei.

Zur PresseMitteilung

Obdachlose als Brotretter - enorm-Magazin

Eine zweite Chance bekommen Brote, vor allem aber auch Menschen, bei der Bäckerei Junge: Das norddeutsche Familienunternehmen bietet in zwei Filialen in Hamburg und Lübeck Backwaren vom Vortag an – und stellt für den Verkauf ehemalige Obdachlose ein. Täglich werden so 500 unverkaufte Brote von den insgesamt 180 Geschäften gerettet. Sozialarbeiter des Obdachlosen-Magazins „Hinz&Kunzt“ in Hamburg sowie der Vorwerker Diakonie in Lübeck suchen die künftigen Bäckereiverkäufer aus – zum Beispiel Stefan Rüdiger. Er kam vor über einem Jahr zu den „BrotRettern“ in der Lübecker Holstenstraße. Zuvor durchlebte der 36-Jährige in seinem Leben einige Tiefen, brach zwei Ausbildungen ab und verdiente sich Geld mit Aushilfsjobs dazu.

Mit der Vorwerker Diakonie begann bei der Bäckerei nun, was Gerd Hofrichter, Leiter der Unternehmenskommunikation bei Junge, als Bilderbuchkarriere bezeichnet. „Regelmäßige Arbeitszeiten und feste Aufgaben helfen bei der Rückkehr in ein geregeltes Leben“, so Hofrichter. Erfolg führe zu neuem Selbstbewusstsein und einem sicheren Auftreten im Team und vor den Kunden. „Ursprünglich wollten wir etwas gegen die Lebensmittelverschwendung machen. Jetzt sind die Menschen in den Mittelpunkt des Projektes gerückt und haben mit ihrem Engagement unsere Erwartungen sogar übertroffen.“ Im vergangenen Herbst wechselte Stefan Rüdiger nun in eine Festanstellung in einer Filiale in Bad Schwartau. Er hat seine Chance genutzt.

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Endlich ein fester Job – Stefan Rüdiger nutzt seine Chance bei den BrotRettern

Als Stefan Rüdiger vor über einem Jahr zu den Lübecker BrotRettern stieß, musste er sich erst einmal beweisen. Das hat er getan. Und wie! Seit Oktober ist er kein BrotRetter mehr, sondern fest angestellt in einem Junge-Geschäft in Bad Schwartau. Er hat seine Chance genutzt. 

Die Freude ist groß bei ihm an seinem Letzten Arbeitstag. Beschwingt läuft er am Tresen im BrotRetter-Geschäft in der Lübecker Holstenstraße entlang. Jetzt heißt es Tschüss sagen, den Kolleginnen und Kollegen alles Gute wünschen. Ein Jahr lang hat er Gas gegeben, wollte seinem Leben eine neue, positive Wendung geben. 

„Ich bin heute viel sicherer und disziplinierter. Das hat mich der Job gelehrt. Es ist natürlich sehr anstrengend im Vergleich zu vorher“, erzählt der 36-Jährige, „aber genau das wollte ich ja.“ Einfach normal arbeiten und ein bisschen Geld verdienen, hat er sich zum Ziel gesetzt. Er sei sehr dankbar, dass man ihm bei Junge so viel Vertrauen schenkt. Für Junge-Sprecher Gerd Hofrichter eine Selbstverständlichkeit: „Wer sich wie Stefan Rüdiger voll in seinen Job reinhängt, der ist bei uns immer willkommen - egal wie seine Vergangenheit aussah.“ 

Der Weg zum neuen Leben begann für Stefan bei den Sozialen Hilfen der Vorwerker Diakonie. „Ich war an einem Punkt, an dem ich nicht mehr weiterwusste.“ Zwei Ausbildungen habe er abgebrochen, immer wieder Aushilfsjobs gemacht. „Aber ich hatte halt nie was Richtiges.“ Bei der Vorwerker Diakonie änderte sich das. „Endlich hatte ich das Gefühl, man kann mir dort weiterhelfen.“ 

Regelmäßiges Arbeiten war für den gebürtigen Rostocker nicht selbstverständlich, zu viele Täler musste er in seine Leben durchlaufen. Als er 14 ist, stirbt die Mutter. Beim Vater und der Stiefmutter fühlt er sich nicht zu Hause. Schlafstörungen quälen ihn. „Ich habe einfach immer verschlafen, weil ich vorher nicht einschlafen konnte. Ich wusste mir nicht zu helfen. So habe ich dann meine Ausbildung verloren.“ Schließlich suchte er sich Hilfe – und bekam sie. 

Für Stefan Rüdiger war der BrotRetter-Job nicht nur der Start in den ersten Arbeitsmarkt, sondern auch die Rückkehr in ein geregeltes Leben. Sogar der Kontakt zur Familie lebte wieder auf. „Mein Bruder hat mich tatsächlich im Internet unter einem BrotRetter-Artikel wiedergefunden. Er rief im Geschäft an und ließ seine Nummer da. Ich war ganz schön nervös, als ich nach Feierabend zurückrief. Aber ich bin froh, heute telefonieren wir regelmäßig und planen auch bald ein Treffen. Das ist schön.“

Ein Bericht der Evangelischen-Zeitung

Lohbrügge. Der Tag von Vasile Raducan beginnt früh. Seit dem 31. März 2016 steht er werktags zwischen 5 und 6 Uhr auf, um mit einem Lieferwagen Brötchen, Kuchen und Brote von Lübeck nach Hamburg zu den BrotRettern zu bringen. Adama Czizmada wartet dort auf ihn, er nimmt Bleche mit Franzbrötchen und Streuselschnecken entgegen. Raducan und Czizmada sind BrotRetter. Sie retten bis zu 300 Brote am Tag. Es sind die Brote der Bäckerei Junge. 180 Geschäfte, lange Öffnungszeiten, anspruchsvolle Gäste: So sammeln sich Brötchen, Kuchenstücke und Brote, die nicht gekauft und zu Tierfutter verarbeitet werden – trotz Spenden an die Tafeln. „Wir waren unglücklich, wie viel Brot übrig blieb", sagt Gerd Hofrichter, Sprecher der Bäckerei Junge. So entstand die Idee der „BrotRetter": eine Filiale, in der Brot vom Vortag zu günstigen Preisen verkauft wird – und das von Menschen, die eine zweite Chance nötig haben. Viele von ihnen kennen das Leben auf der Straße. Frühmorgens sortieren und verpacken dafür Hinzler und Künztler – ehemals Wohnungslose aus dem Team des Straßenmagazins Hinz &Kunzt – die Backwaren in Lübeck. Dort ist der Stammsitz der Junge-Bäckerei. 

Dann werden die Kisten mit Gebäck zur Filiale nach Lohbrügge gebracht. Zudem gehören zu den BrotRettern Mitarbeiter der Bäckerei Junge. „Wir suchten Partner, die professionell unterwegs sind", beschreibt Hofrichter die Geburtsstunde des Verkaufs. Die Wahl fiel auf Hinz & Kunzt. Das Angebot: Räume, Inventar, Backwaren, Ausbildung stellt die Bäckerei, das Team sollte von Hinz &Kunzt stammen. Die Kunden geben sich die Klinke in die Hand. Inzwischen gibt es ein zweites Geschäft in Lübeck. „Gibt es auch Körnerbrötchen?". Eine Frau mittleren Alters wendet sich Adama Czizmada zu. Der holt nun ein Brötchen nach dem anderen hinter der Verkaufstheke hervor. Der Kunde ist König, auch wenn die Preise für ein Brot um einen Euro liegen. Die einen kaufen hier ein, weil sie auf ihren Geldbeutel achten, die anderen, um ein Sozialprojekt zu unterstützen. Die Schlange geht bis auf die Straße, doch die BrotRetter lassen sich nicht aus der Ruhe bringen.

„Bei uns ist es etwas anders", meint Geschäftsleiterin Melanie Mauritz. „Wir sind entspannter." Die Kunden werden auch mit „Hi" und „Hallo" begrüßt. Die Verkäufer sprechen die Sprache der Straße. Raducan strahlt. „Es ist gut", sagt er. Er ist Rumäne, hat zuvor die Zeitschrift Hinz &Kunzt verkauft. Sein neuer Job als Fahrer und im Verkauf macht ihm sichtlich viel Freude. Erstmals hat er einen festen Arbeitsvertrag. Und damit eine Krankenversicherung – und Urlaubsanspruch. Urlaub machen, das kannte er gar nicht.

Von Catharina Volkert, evangelische-zeitung

 

Stern Spezial - Müllvermeider

Brot für die Tonne - wie eine Bäckerei das Wegwerf-System durchbricht


Brot, das abends noch in der Bäckerei liegt, wandert nach Feierabend in den Müll. Die "Brotretter" stoppen dieses Wegwerf-System und verkaufen Backwaren vom Vortag. Damit bieten sie nicht nur Bedürftigen preiswerte Produkte an, sondern retten auch Lebensmittel vor dem Müll.

Seit den frühen Morgenstunden rattern in der Lübecker Großbäckerei Junge die Fließbänder. Sauerteige werden von Bäckermeistern angesetzt, Öfen aufgeheizt, Brötchen in Form gepresst, Dinkel wird geschrotet und ein warmfeuchter Geruch nach Hefe und Gebackenem liegt in der Luft. Eine neue Charge Brote, Brötchen und Croissants sind in Produktion, vieles ist hier automatisiert, nur damit die Auslagen am nächsten Morgen wieder prall gefüllt sind.

Bis spät in den Abend hinein sind die Regale der Hamburger Filialen der Bäckerei Junge üppig bestückt. Die Quelle, aus der die Brote und Brötchen strömen, scheint nie zu versiegen. Brötchen, Süßteilchen, weiße und dunkle Brote gibt es im Überfluss. Doch irgendwann ist Ladenschluss, die Regale nie viel leerer als am Morgen.

Also werden die übrig gebliebenen Backwaren in praktische orangefarbige und graue Plastikkörbe verpackt und mit dem Transporter wieder zurückgefahren - nach Lübeck, zum Stammsitz der Bäckerei. Rund 600 Brote werden so jeden Tag zurückgebracht, Re von etwa 100 Filialen aus dem Norden. Brote, die eigentlich einwandfrei sind, aus Hygienevorschriften aber nicht mehr verkauft werden dürfen. Also landen sie in einem großen Container und türmen sich vor der Bäckerfabrik. Sie sind Müll. 

Die Regale müssen immer voll sein

"Der Verbraucher will es so", sagt Gerd Hofrichter, Sprecher des Lübecker Familienbetriebs Bäckerei Junge. "Gibt es nur noch drei Brötchen in der Auslage, kauft in der Filiale niemand mehr ein." Und auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht müssen die Regale voller Backwaren sein. Sind sie am Abend leer, hätte man mehr Umsatz machen können. Es ist ein Teufelskreis. Einen, den Gerd Hofrichter und die Junge-Geschäftsführung durchbrechen wollten. Also verkauften sie Backwaren ab 18 Uhr zum kleineren Preis. Das funktionierte nur mäßig. Es bildeten sich lange Schlangen, die Kunden verstanden nicht, warum sie kurz vor 18 Uhr noch den vollen Preis zahlen mussten und nach 18 Uhr die Hälfte. Es brauchte eine andere Lösung.

Der 30-jährige Ionel Lupu hat sich bislang mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten. Geschlafen hat er bei Freunden und in Absteigen mit der ganzen Familie. Dass eine Matratze in einem Zimmer voller anderer Menschen um die 150 Euro monatlich kostet, war für Lupu keine Seltenheit. Er ist zweifacher Vater und ursprünglich aus Rumänien. Als Lupu 14 Jahre alt war, hielt es sein Vater für richtig, seine sechs Kinder nach Deutschland zu bringen. Sie sollten es einmal besser haben als in Rumänien und hier Geld verdienen.

Zur Schule ging Lupu nicht, ein schwerer Start für den deutschen Arbeitsmarkt. Oft genug wurde er von Vermietern, aber auch Arbeitgebern ausgenutzt. Er wusste es nicht besser. Bis ihm ein Freund von "Hinz & Kunzt" erzählte, Hamburgs Straßenmagazin, das von mehr als 500 Menschen in prekären Lebenslagen auf der Straße verkauft wird.

Um 5.30 Uhr ist Lupu heute aufgestanden. Er ist mit einem weißen Transporter mit der Aufschrift "Brotretter" auf dem Weg in die Bäcker-Zentrale nach Lübeck. An diesem Morgen arbeitet er seinen rumänischen Freund Danitz ein. Sie sind "Brotretter", das O im Logo ziert einen Rettungsring - und genau das ist Lupus Aufgabe: Er rettet Brote, Streuselkuchen und Brötchen vor dem großen Container. In Lübeck laden die beiden Rumänen den Sprinter mit Backwaren vom Vortag ein. Welche Produkte in den Filialen der "Brotretter" landen wird akribisch festgehalten. "Das muss so sein. Die Warenkette muss transparent bleiben", so Hofrichter.


"Wir waren unglücklich, wie viel Brot übrig bleibt"

Das Projekt "Brotretter" ist für die Bäckerei Junge ein Nullgeschäft. "Wir waren unglücklich, wie viel Brot übrig bleibt", sagt Hofrichter. So entstand die Idee der "Brotretter": Junge bezahlt die zwei Filialen der "Brotretter", ausgestattet sind die Bäckereien wie eine herkömmliche Filiale. Eine in Lübeck, die andere in Hamburg-Bergedorf. Seit März 2016 wird hier verkauft, was bislang in den Containern vor der Fabrik gelandet ist. Brot vom Vortag zum günstigen Preis. Einwandfreie Qualität.

"Vor allem die Vollkornbrote sind der Renner", sagt Melanie Mauritz, Filialleiterin der "Brotretter" in Hamburg-Bergedorf. Kosten die normalerweise über vier Euro, gibt es die dunklen Dinkel- und Roggenbrote bei den "Brotrettern" für 1,29 Euro. Ein Schnäppchen, die Brote halten sich bei richtiger Lagerung noch tagelang.

Davon profitieren nicht nur Bedürftige, sondern auch gutbetuchte Kunden, die etwas Gutes tun oder aber sich mit den Verkäufern unterhalten wollen. "Die Stimmung ist hier ganz anders als in den Filialen, in denen ich bisher gearbeitet habe", sagt Melanie Mauritz. Ihre Kollegen von "Hinz & Kunzt" kommen meist aus osteuropäischen Ländern, die "sind viel offener. Nicht so zurückhaltend wie deutsche Kollegen. Es macht Spaß und ich finde es gut, dass nichts weggeschmissen wird", sagt Mauritz. Was bei den "Brotrettern" nicht verkauft wird, landet bei der Tafel, was für die Tafel nicht mehr gut ist, wird als Tierfutter verarbeitet. Ein perfekter Kreislauf.

Für die Bäckerei Junge ist das Sozialprojekt ganz klar Marken- und auch Imagebildung. Von den "Brotretter"-Filialen fällt zwar kein Gewinn ab, aber der gute Ruf ist gewiss. Für Lupu hat die Arbeit eine ganz andere Bedeutung: Erstmals hat er einen festen Arbeitsvertrag, ist krankenversichert und hat Urlaubsanspruch. In die Ferien fahren, das kannte er vorher nicht. "Für viele Osteuropäer ist die Arbeit hier ein Einstieg in das Sozialsystem. Auch wenn es kein Vollzeitjob ist. Nicht nur Ionel, sondern auch seine Familie ist krankenversichert", sagt Stephan Karrenbauer, Sozialpädagoge und politischer Sprecher bei "Hinz & Kunzt".

"Es ist das rundeste Sozialprojekt, das es bislang in Hamburg gibt. Das Brot wird nicht mehr weggeschmissen und wir haben für fünf Menschen einen warmen und schönen Arbeitsplatz gefunden." 

Lupu schläft nicht mehr auf einer Matratze, sondern kann sich von seinem Lohn heute eine eigene Wohnung für seine Familie leisten

Gegen 10 Uhr kommen die "Brotretter" in der Bergedorfer Filiale an, dort erwartet sie bereits Melanie Mauritz, die gemeinsam mit Lupu die Regale mit Broten und Backwaren auffüllt. Die Stammkundschaft weiß ganz genau um diesen Zeitplan. Denn nur kurze Zeit später stehen die Kunden bereits Schlange - und warten darauf, die günstigen Vollkornbrote und die abgepackten und bereits geschnittenen Roggenbrote für 49 Cent zu ergattern. An diesem Tag fällt nur eine Kundin auf, die sich nach der Frische des Brotes erkundigt. "Die sind von gestern", gibt Melanie offen zu. Und merkt später an, dass ein Brot auch nach zwei Tagen noch frisch ist. 

Im Lübecker Stammsitz der Junge-Bäckerei: Brote, Brötchen, Kuchen werden unaufhörlich produziert, damit die Regale morgen wieder prall gefüllt sind.

Ein Artikel von Denise Snieguole Wachter im Stern.